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Mikromobilität – Handlungsempfehlungen für kommunale Akteure

Die nachfolgende Zusammenstellung soll einen Gedankenanstoß zu Handlungsbedarf und möglichen Handlungsoptionen bieten. Zu beachten ist, dass bei der Entwicklung von kommunalen Maßnahmenbündeln mehrere Zielgruppen bedacht werden müssen. Es ist zwischen der Nutzung von privat angeschafften Mikromobilen und Sharing-Angeboten zu unterscheiden. Gerade im Sharing-Bereich für Elektrokleinstfahrzeuge gilt es, kommunale Strategien zu entwickeln.

Herausforderungen Handlungsbedarf & Handlungsempfehlungen

Kommunikation & Abstimmung zwischen den verantwortlichen Akteuren

 

 

Kommunikation zwischen den verantwortlichen bzw. notwendigen Akteuren (z. B. Öffentliche Nahverkehrsbetriebe, Kommunen mit ihren Planungsbehörden und der Stadtverwaltung, politische Gremien, Versicherungsunternehmen, Interessenverbände für schutzbedürftige Verkehrsteilnehmer, etc.) zur abgestimmten Kooperation mit Sharing-Anbietern.

Abstimmung regional- bzw. lokalspezifischer Maßnahmen

 

  • Frühzeitige und regelmäßige Abstimmung
  • gemeinsame Problemlösungskompetenz nutzen
  • Evaluationskriterien zur Beurteilung der Sharing-Angebote festlegen
  • regional- bzw. lokalspezifische Vereinbarungen erarbeiten (u. a. Qualitätsstandards, Vorgaben für Nutzer von privat angeschafften Elektrokleinstfahrzeugen, für Nutzer von Sharing-Systemen und für die Sharing-Anbieter selbst)
  • falls erforderlich, regionale Freigabe oder Sperrung von Verkehrsflächen (temporär oder dauerhaft) durch die Kommune erwirken
  • Steuerungsmöglichkeiten über GPS-Tracking bei Bedarf prüfen. U. a. Festlegung zu befahrbaren Bereichen, zur zulässigen Höchstgeschwindigkeit in definierten Räumen, Bestimmung der Abstellbereiche

Kommunikation, Kooperation & Anregung regionaler Vereinbarungen mit Sharing-Anbietern

Erarbeitung einer gemeinsam abgestimmten Vorgehensweise bzw. Rahmenbedingungen mit den Sharing-Anbietern

  • Kooperationsvereinbarung zur Regelung der Zusammenarbeit ist zu empfehlen
  • Prüfung des Service- und Qualitätsanspruchs der Sharing-Anbieter.
  • Bspw. Betreuungsqualität, Support und Erreichbarkeit, Gebühren für eine telefonische Beratung oder kostenfreie Services, Meldeoption für defekte oder falsch geparkte Fahrzeuge, Nachhaltigkeit/ Austausch- und Verschrottungsrate, Nutzungsdatenaufbereitung und Datenaustausch

Bürgerinformation: Aufklärung & Unterstützung der Nutzerakzeptanz

  • Aufklärung und fortlaufende Information der Bürger in der Region Frankfurt RheinMain
  • u. a. Vorgaben der eKFV, evtl. erwirkte Ausnahmeregelungen
  • gebündelte und strukturierte Informationsaufbereitung, ggf. gemeinsame Marketingaktivitäten mit Sharing-Anbietern
  • Sonderprogramme prüfen, z. B. Nutzung eines Verkehrsübungsplatzes für erste Fahrversuche, Incentives

Vernetzte Mobilität und einfacher Angebotszugang

Nachhaltige Personenmobilität bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes. D.h. Integration des Angebots an ausleihbaren Elektrokleinstfahrzeugen in bestehende ÖPNV-Systeme zur Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs. Über intermodale Plattformen ist bereits die Möglichkeit zur sinnvollen Verknüpfung mit dem ÖPNV geschaffen.

  • integrierte Auskunftssysteme, u.U. integrierte Tarifsysteme und Bezahlmodelle
  • Benutzerfreundlichkeit: aktuelle App-Vielfalt durch die Vielzahl an Sharing-Anbietern ist nicht praktikabel und sinnvoll für den Bürger als Endnutzer
  • Zugänglichkeit von Sharing-Angeboten: Wie kann dieses flächendeckend und auch für Personen ohne Smartphone gewährleistet werden?

Sanierung & Ausbau der Infrastruktur; insbesondere der Radverkehrsinfrastruktur (Finanzierung, Planung und Durchführung)

Radwege werden die primäre zulässige Verkehrsfläche für Elektrokleinstfahrzeuge laut Empfehlung für die Sitzung des Bundesrates am 17. Mai 2019 sein (Empfehlungen der Ausschüsse BR-Drs. 158/1/19, Stand: 03.05.2019¹). Eine erhöhte Verkehrsdichte durch Elektrokleinstfahrzeuge ist auf den Radverkehrsanlagen zu erwarten, vielerorts werden Kapazitätsgrenzen erreicht. Das Konfliktpotential zwischen Nutzern der Mikromobile und anderen Verkehrsteilnehmern wurde im Expertenworkshop am 26.02.2019 von den kommunalen Akteuren als sehr hoch eingeschätzt.

  • Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern vorbeugen, durch bedarfsgerechte Sanierung und Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur
  • Schaffung breiterer Radverkehrsanlagen, um risikofreie Überholvorgänge zu ermöglichen²
  • Änderung der Regelwerke beobachten. Wie bspw. die geplanten, neuen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA)³

Gewährleistung einer geordneten Abstellsituation im öffentlichen Raum

  • Schaffung von geeigneten Abstellflächen, um die Ordnung im öffentlichen Raum sicher zu stellen
  • Ausweisung und Konzept zur Kenntlichmachung von Abstellflächen. Ein diskutierter Ansatz ist über Bodenmarkierungen gegeben (Aufmerksamkeit erzeugen)
  • Schaffung von geeigneten Abstellplätzen, z.B. Schließfächer an Park+Ride Plätzen
  • Umgang mit einem breiten Fahrzeugspektrum wird erforderlich
  • Wünschenswert wäre, festgelegte Abstellflächen über die App der Sharing-Anbieter anzuzeigen (mobile Information)
  • Diebstahlsicheres Abstellen ist essenziell

Schaffung einer homogenen Ladeinfrastruktur

  • Insbesondere für Elektrokleinstfahrzeuge im Privatbesitz ist der Zugang zu einer homogenen Ladeinfrastruktur relevant.

Mindestflottengröße und räumliche Verteilung für ein flächendeckendes Mobilitätsangebot

 

 

  •  Der Fahrzeugbestand verschiedenster Sharing-Anbieter und die Fahrzeugverteilung sollen ein flächendeckendes Angebot gewährleisten, ohne Stadtgebiete mit zu vielen Sharing-Fahrzeugen zu überlasten.

Vereinbarung zur Abdeckung von Stadt, Stadtrand und Umlandgebieten

  • Vernünftige Verteilung an Verkehrsknotenpunkten in allen Stadtteilen und nach Kundenbedarf. Die Abdeckung der ersten und letzten Meile sind aus Nutzersicht wünschenswert; in der Stadt oder auf dem Land.

Mitnahme im ÖPNV

Die Mitnahme von Mikromobilen im ÖPNV ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt. Sie unterliegt den Regelungen der Allgemeinen Beförderungsbedingungen für den Straßenbahn- und Obusverkehr sowie Linienverkehr mit Kraftfahrzeugen (BedBefV). Elektrokleinstfahrzeuge und andere Mikromobile sind im Sinne dieser Verordnung als „Sachen“ zu betrachten. Ein Anspruch auf Beförderung besteht nach dem BedBefV grundsätzlich nicht.

  • Empfehlung einer möglichst einheitlichen Regelung der Verkehrsverbünde (Abstimmung)

Die einzelnen Verkehrsunternehmen bzw. Verkehrsbünde können bei Zustimmung der Genehmigungsbehörde, von den allgemeinen Beförderungsbedingungen abweichen und individuelle Regelungen definieren.4

  • Schaffung einer Mitnahmemöglichkeit unter Maßgabe, die Reisequalität und Sicherheit nicht zu beeinträchtigen.
  • Bspw. auf Basis von Maßen wie FZG-Gewicht und Größe
  • Insbesondere die Bedienung der ersten und letzten Meile würde damit gefördert.

Anwendungsorientierte, nutzerspezifische Forschung, Einführungsbegleitung & Evaluation durch neutrale Forschungseinrichtungen

Eine Empfehlung für eine forschungsbegleitete Implementierung von Sharing-Systemen, u.a. zur Evaluierung der Auswirkungen auf die Verkehrsentwicklung und der Beurteilung der Nachhaltigkeit.

  • Gebrauchstauglichkeits- und Akzeptanzevaluation, u. a. Welche Verkehrsmittel werden durch den Einsatz von Elektrokleinstfahrzeugen substituiert? Stimmungsbarometer der Bevölkerung? Verhaltensänderung?
  • Zielgruppenanalyse: Wer sind die Nutzer überhaupt?
  • Evaluation über Datenanalyse oder Nutzerbefragungen
  • Erfassung des Mobilitätsverhaltens über Echtzeitdaten, räumliche und zeitliche Personenmobilität, Nutzungsverteilung und Wegezwecke
  • Auswertung zur Entwicklung der Verkehrssicherheit im öffentlichen Raum: Unfallstatistik
  • Auswertung von Einflussgrößen auf das Erscheinungsbild der Stadt, bspw. Vandalismus oder (un)geordnetes Abstellverhalten

 

QUELLENVERZEICHNIS

¹ http://dipbt.bundestag.de/dip21/brd/2019/0158-1-19.pdf, Abrufdatum: 06.05.2019

² https://www.dvr.de/presse/informationen/infrastruktur-muss-folgen-neuer-entwurf-der-elektrokleinstfahrzeuge-verordnung-_id-5150.html, Abrufdatum: 03.05.2019

³ Ebda.

4 Vgl. Bayerischer Landtag (2019): Drucksache des Bayerischen Landtages 18/287 vom 07.02.2019. http://www1.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP18/Drucksachen/Basisdrucksachen/0000000001/0000000278.pdf
S. 9-10, Abrufdatum: 15.03.2019.

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